Engagiert in neuer Umgebung. Empowerment von geflüchteten Menschen zum Engagement

Observatorium 19 | 15.02.2018 | In einem von der Röchling Stiftung geförderten Forschungsprojekt wurde am Maecenata Institut das Engagement von Geflüchteten untersucht. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung ist, dass bürgerschaftliches Engagement für die geflüchteten Menschen in Deutschland nicht als Freizeitbeschäftigung oder in anderer Form abqualifiziert werden darf. Vielmehr stellt es ein zentrales Inklusionsvehikel dar, das der Integration in die Arbeitswelt mindestens gleichrangig ist. In dieser Arbeit werden die weiteren Ergebnisse der Untersuchung in zehn Punkten zusammengefasst.

Die Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind, mögen für ihre Flucht ganz unterschiedliche Gründe gehabt haben. Fast alle wollen in Deutschland bleiben und suchen nach einem Platz in unserer Gesellschaft. Dafür gibt es verschiedene Strategien, sich zu engagieren, ist eine wichtige und weiterführende. Denn wer sich engagiert, engagiert sich in der Regel mit anderen zusammen und kommt dadurch nicht nur mit ihnen in Kontakt, sondern versucht auch gemeinsam mit ihnen etwas zu erreichen. Dadurch entsteht eine Wir-Gruppe in der voneinander gelernt werden kann. Dies gilt gerade für die Menschen, die in jüngster Zeit nach Deutschland gekommen sind. Für sie ist beinahe alles fremd und neu; sie haben vielfach Schreckliches in ihrem Land erlebt und mussten häufig auf dem Weg nach Europa Herausforderungen überwinden. Sie hoffen, dass sie in Deutschland bleiben können und haben einen Asylantrag gestellt. Häufig ist über diesen schon entschieden, je nach Land positiv oder negativ. Im letzteren Fall sollen sie zwar zurück, können aber aus verschiedenen Gründen nicht abgeschoben werden und bleiben zunächst im Land.

In einem von der Röchling Stiftung geförderten Forschungsprojekt wurde am Maecenata Institut das Engagement von Geflüchteten untersucht. Ziel der qualitativen Untersuchung war es zunächst, herauszufinden, wie und wo sich Geflüchtete engagieren.1 Dabei ging es nicht darum, höhere Engagementquoten von Geflüchteten zu erreichen. Vielmehr sollten Wege und Brücken für Geflüchtete in die neue Welt aufgezeigt werden – für die Menschen selbst, aber auch für Politik und Zivilgesellschaft. Zudem sollten Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung, zivilgesellschaftliche Organisationen und die Menschen selbst erarbeitet werden. Hierzu wurde im gesamten Bundesgebiet nach Geflüchteten, die sich engagieren und auch darüber sprechen wollten, gesucht; die Suche wurde unterstützt von Leiterinnen und Leitern von Projekten zur Unterstützung des Engagements von Geflüchteten. Schließlich wurden mit Geflüchteten und anderen wichtigen Akteuren zahlreiche Interviews geführt. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für angewandte Sozialwissenschaften, Stuttgart, durchgeführt.

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung ist, dass bürgerschaftliches Engagement für die geflüchteten Menschen in Deutschland nicht als Freizeitbeschäftigung oder in anderer Form abqualifiziert werden darf. Vielmehr stellt es ein zentrales Inklusionsvehikel dar, das der Integration in die Arbeitswelt mindestens gleichrangig ist.

Im Einzelnen lassen sich die Ergebnisse der Untersuchung in zehn Punkten zusammenfassen:

1. Das Engagement von Geflüchteten ist für diese wichtig, weil es bei ihnen das Gefühl der Selbstwirksamkeit und der eigenen Handlungsmacht stärkt. Geflüchtete, die hierherkommen, erfahren in der Regel zunächst eine fremde Umwelt, in der sie sich zurechtfinden müssen. Engagement ist eine Form, sich diese Umwelt zu eigen zu machen, mit ihr zu kommunizieren und dadurch handlungsfähig zu werden. Der Grund dafür ist, dass Geflüchtete als Empfänger von Hilfeleistungen zunächst Objekte sind, auch Objekte verwaltungstechnischer Vorgänge ohne die eine moderne Gesellschaft Zuwanderung nicht bearbeiten kann. Umso notwendiger ist es, dass diesen Situationen von Fremdbestimmtheit eigene Handlungsimpulse gegenübergestellt werden können. Dies kann in Form von Engagement geschehen, mit dem Geflüchtete die Erfahrung machen, selbst etwas bewirken zu können. Durch Engagement werden Geflüchtete zu Subjekten.

2. Engagement kann für Geflüchtete ebenso als ein Weg in die Gesellschaft angesehen werden wie für hier geborene und aufgewachsene Menschen. Denn wer sich engagiert, knüpft Kontakte, nutzt soziale Netzwerke und lernt seine Umwelt kennen. Engagement ist ein Weg, mit der neuen Umwelt bekannt zu werden und sich einzufügen; sich zu engagieren, erhöht die Chancen, auch in der neuen Umgebung anzukommen, von ihr akzeptiert zu werden und seine Ziele zu erreichen. Indem diese Umwelt dadurch auch bereichert und geprägt wird, prägt sie umgekehrt auch den Engagierten und verhilft ihm darüber hinaus zu einem dringend benötigten Erfolgserlebnis.

3. Der Weg in die Gesellschaft ist nicht leicht. Engagement hat deshalb auch eine Brückenfunktion; oft sind es mehrere Brücken, die nacheinander überquert werden müssen, um ans Ziel zu kommen. Für viele Geflüchtete ist die Welt hier so fremd, dass sie viele Dinge neu lernen müssen. Engagement, auch kurzzeitiges, kann als Training verstanden werden, um zu lernen, wie Organisationen „ticken“, wie man sich in ihnen zu verhalten hat und wie man Kontakte knüpft und nebenbei auch noch die Sprache erlernt. Vielfach dient Engagement dann als Brücke in ein Praktikum, eine Ausbildung oder in eine andere Art der Beschäftigung. Deshalb ist es notwendig, dass es mehr Vermittlungsprojekte gibt, in denen gezielt Brücken gebaut werden, in Engagement, in ein Praktikum, in ein Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis und letztlich in die Gesellschaft.

4. Vielfach sind Geflüchtete gut ausgebildet und sind von einer grundsätzlich pro-sozialen Grundeinstellung geprägt. Geflüchtete, die sich in ihrer neuen Umgebung engagieren, weisen dementsprechend günstige Bedingungen für dieses Engagement auf. Dies bedeutet: Geflüchtete, die sich hier engagieren, bringen häufig etwas mit, was das Engagement erleichtert, befördert oder überhaupt erst möglich macht. Sie waren häufig bereits in ihren Herkunftsländern engagiert, bei Hilfsorganisationen, im Wohlfahrtsbereich oder auch informell. Auf solche Voraussetzungen kann kaum eingewirkt werden, doch gehören die Menschen, die sich selbstermächtigt auf den Weg gemacht haben und hier angekommen sind, tendenziell zum aktiven Teil der Gesellschaft und weisen somit von vornherein günstige Voraussetzungen für ein Engagement auf. Diese Voraussetzungen gilt es aufzuspüren, um Geflüchtete als selbständige und eigenverantwortliche Akteure wahrzunehmen. Notwendig dafür sind eine Sensibilisierung in Form von Workshops und Training sowie Veränderungen von Verhaltensweisen und Programmen auf Seiten all derer, die als Ansprechpartner für geflüchtete Menschen verantwortlich und zuständig sind. Geflüchtete zum Engagement zu ermutigen, erleichtert ihnen die Arbeit.

5. Für die Entwicklung des Engagements von Geflüchteten sind lokale Helfergruppen die erste und wichtigste Gelegenheit, mit Engagement in Berührung zu kommen. Viele Geflüchtete sind heute deshalb selbst in diesen Helfergruppen aktiv, weil damit nicht nur ihr Alltag strukturiert wird, sondern auch weil sie Erfahrungen weitergeben und anderen helfen können. Die Helfergruppen sind damit als Lernorte von Engagement unverzichtbar. Geflüchteten wird damit gezeigt, was Engagement bedeutet und welche Haltungen und Motive Engagierte mitbringen. Darin können sie sich wiedererkennen. Sie finden Gelegenheiten, ihr Engagement in neuer Umgebung auszuprobieren. Schon deshalb ist es wichtig, dass diese Helfergruppen weiterbestehen, sich gleichzeitig aber transformieren und ihre Angebote nicht mehr allein an die Geflüchteten richten. Denn nur so öffnet sich für die Geflüchteten in Weg in ihre neue Umwelt, in die Gesellschaft.

6. Die Teilnahme an der Arbeitswelt ist für die große Mehrzahl der Geflüchteten ein wesentlicher Integrationsfaktor und eine mittelfristige Überlebensstrategie. Sich zu engagieren, kann für viele Geflüchtete ein Weg sein, diesem Ziel näher zu kommen. Durch Engagement lernen sie Aspekte kennen, die auch für eine erfolgreiche Teilnahme an der Arbeitswelt wichtig sind: sich in Organisationen bewegen, mit fremden Menschen umgehen, die Gepflogenheiten erfahren und ihr sprachliches Ausdrucksvermögen verbessern. Engagement ist daher über den Eigenwert hinaus eine wichtige Voraussetzung für den Zugang zur Arbeitswelt. Allerdings ist dies kein Automatismus, weil es ganz unterschiedliche Formen des Engagements gibt, u.a. auch solches das nicht in die Arbeitswelt führt, sondern eher informell angelegt und auf Hilfe für die eigene Gemeinschaft bezogen ist.

7. Die Zivilgesellschaft trägt mit ihrer Vielfalt von Organisationen und ihrem breiten Angebot von Engagementmöglichkeiten wesentlich zu diesem Prozess bei. Es ist daher notwendig Führungskräfte und längerfristig Engagierte zu großer Offenheit für Geflüchtete heranzubilden. Die zivilgesellschaftliche Infrastruktur muss insoweit weiterentwickelt werden. Es gibt zu wenige Programme zur Vermittlung von Geflüchteten in ein Engagement. Diese suchen gezielt nach engagementbereiten und motivierbaren Geflüchteten, führen intensive Gespräche mit diesen durch und suchen nach passenden Engagementgelegenheiten. Das Ziel ist nicht Geflüchtete in Engagement zu bringen um Ausfälle beim Engagement Einheimischer auszugleichen, sondern ihnen Lernerfahrungen zu ermöglichen. Je besser dies gelingt, desto eher bleiben die Geflüchteten engagiert und desto mehr Nachahmer wird es geben. Wichtig bei diesen Programmen ist auch die Begleitung, mit der Lerneffekte reflektiert und die Ausrichtung justiert werden können. Organisatoren müssen Geflüchteten Raum geben, ihre Initiativen unterstützen und ihnen ihre Ressourcen zur Verfügung stellen.

8. Das Engagement der Geflüchteten vollzieht sich zum Teil auch abseits der etablierten zivilgesellschaftlichen Strukturen. Vielfach sind dies Beziehungen zwischen den Geflüchteten selbst, die sich in eigenen Treffen und nicht-formalisierten Organisationen manifestieren. Soweit die Geflüchteten aus muslimisch geprägten Strukturen kommen, entspricht dies dem dort üblichen Grundmuster des Engagements. Überall dort gibt es unentgeltliche und freiwillige Hilfe, ohne dass dies häufig als Engagement verstanden und bezeichnet wird. Dennoch bilden diese Formen Teile des Engagements und können für die engagementpolitischen Ziele genutzt werden. Sie sind jedoch schwer zu beobachten und nur mit Mühe zu erfassen. Auch diese Formen sind überaus wichtig, weil sie dazu beitragen, dass Geflüchtete Erfahrungen der Selbstwirksamkeit machen und eigene Handlungsmacht erproben können.

9. Es gründen sich immer mehr Migrantenorganisationen. Sie bieten Möglichkeiten des Engagements von und für Geflüchtete und nehmen eine Vielzahl von Funktionen war. Sie sind als Lobbyorganisationen, Dienstleister, Partizipationsunternehmer im öffentlichen Raum und als Anbieter von Engagementgelegenheiten aktiv. Migrantenorganisationen sind wichtig, weil sie die lokale Infrastruktur bereichern und für die lokale Politik Ansprechpartner sind. Allerdings haben Migrantenorganisationen auch die Tendenz, Migranten in der einen oder anderen Form auf eine bestimmte Identität, die ihnen entgegenkommt, festzulegen. Es erscheint daher wichtig, diese Organisationen dazu zu motivieren und sie dabei zu unterstützen, eine integrierende Funktion einzunehmen. Dabei ist zu beobachten, wie groß ihre Bereitschaft ist, Transformationsprozesse zuzulassen.

10. Je länger Geflüchtete in Deutschland in den Kommunen sind, desto besser können sie in bereits bestehende Beteiligungsprozesse integriert werden. Beteiligungsprozesse gibt es in den Stadtteilen, für Jugendliche, für Migranten, in verschiedenen Politikbereichen und auch in vielen Organisationen. Dazu ist eine Aufenthaltserlaubnis oder gar die deutsche Staatsbürgerschaft keine notwendige Voraussetzung. Vielmehr genügt die Präsenz vor Ort. Die Koppelung von Beteiligungsprozesse an eine rechtlich-formale Zugehörigkeit wirkt insgesamt desintegrierend und demotivierend.

[1] Rudolf Speth, Engagiert in neuer Umgebung. Empowerment von geflüchteten Menschen zum Engagement. Berlin, Maecenata 2018 (Opusculum Nr. 108).

Rupert Strachwitz

Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz

Vorsitzender des Vorstandes der Maecenata Stiftung
Direktor des Maecenata Instituts
rs@maecenata.eu

>> Alle Beiträge von Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz