Ein neues Narrativ für Europa

Europe Bottom-Up Nr.23

„Im Juni 1914 siegten die Nationalstaaten über den proletarischen Internationalismus und den bürgerlichen Kosmopolitismus. Seither wurde die Nation zur allumfassenden Identität der europäischen Völker.“1 Diese Analyse ist, so muß man 100 Jahre später mit Bedauern feststellen, völlig zutreffend. Unwidersprochen blieb das nicht. Im Oktober 1914 verfaßte eine kleine Gruppe von Deutschen um den Arzt Georg Friedrich Nicolai und den Physiker Albert Einstein einen „Aufruf an die Europäer“. Er war als Antwort auf das sogenannte Manifest der 93 Wissenschaftler „An die Kulturwelt“ gedacht, in dem dessen Unterzeichner, darunter Max Planck, die These von der deutschen Kriegsschuld zurückgewiesen und die Kriegsverbrechen der Armee in den ersten Kriegswochen in Belgien verteidigt hatten. Dort heißt es unter anderem: „Die Welt ist durch die Technik kleiner geworden, die Staaten der großen Halbinsel Europa erscheinen heute einander so nahe gerückt wie in alter Zeit die Städte jeder einzelnen kleineren Mittelmeerhalbinsel, und Europa – ja man könnte fast sagen, die ganze Welt – stellt bereits durch die mannigfachsten Beziehungen eine in den Bedürfnissen und Erlebnissen jedes einzelnen begründete Einheit dar.“2

Weiter führte Nicolai aus: „Da wäre es doch wohl Pflicht der gebildeten und wohlwollenden Europäer, wenigstens den Versuch zu machen zu verhindern, daß Europa infolge seiner mangelhaften Gesamtorganisation dasselbe tragische Geschick erleidet wie einst Griechenland. […] Wir wollen grundsätzlich betonen, daß wir fest davon überzeugt sind, daß die Zeit da ist, in der Europa als Einheit auftreten muß, um seinen Boden, seine Bewohner und seine Kultur zu schützen“3. Der Aufruf endete mit einem Appell: „Wir selber wollen hierzu nur anregen und auffordern, und so bitten wir Sie, falls Sie unser Gesinnungsgenosse und gleich uns entschlossen sind, dem europäischen Willen einen möglichst weitreichenden Widerhall zu verschaffen, Ihre Unterschrift zu senden.“4

Obwohl in diesem Beitrag vor allem von einem neuen Narrativ die Rede sein soll, erscheint es wichtig, an relativ lang zurückliegende Bemühungen zu erinnern, die Idee eines vereinigten Europas auf die politische Tagesordnung zu setzen. Bereits 1871 hielt der Engländer John Robert Seeley in London einen Vortrag, dem er den Titel „The United States of Europe“ gab. Darin erinnerte er daran, es habe die Hoffnung bestanden, dass die Einführung demokratischer Regierungen Krieg überflüssig machen würde. Dieses habe sich aber nicht bewahrheitet.5 Die Lösung, die Seeley anbot, enthielt unter anderem folgenden Vorschlag: „Um stark und effektiv zu sein, muß ein solches System [einer Föderation aller Mächte (Anm. d. Verf.)] mit Sicherheit einen engeren Zusammenschluß beinhalten; das heißt nicht einen Bund nach Art des früheren Deutschen Bundes, sondern einen Zusammenschluß nach dem Modell der Vereinigten Staaten mit einem vollständigen Apparat der legislativen, exekutiven und judikativen Gewalten und erhaben über jede Abhängigkeit von den Regierungen der Staaten.“6

Auf der italienischen Gefängnisinsel Ventotene schrieben 1941 drei dort inhaftierte Italiener mit dem Ruß abgebrannter Streichhölzer das „Manifest von Ventotene“ und gaben ihm den Titel „Für ein freies und einiges Europa“. Dort heißt es unter anderem: „Die Nation ist im Gegenteil zu einem göttlichen Wesen geworden, das ausschließlich seine eigene Existenz und Entwicklung im Auge behalten soll, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß es dadurch anderen Schaden zufügt.“7 Im weiteren heißt es dann: „Da die Zeit reif ist, neue Werke zu vollbringen, wird es auch die Zeit neuer Menschen sein: die Zeit der Bewegung für ein freies und vereintes Europa.“8  

1 Heller, Ágnes (2019): Paradox Europa, Wien/Hamburg, S.21.
2 Nicolai, Georg Friedrich (1917): Aufruf an die Europäer. Im Oktober 1914 privat verschickt, veröffentlicht in: ders.: Die Biologie des Krieges – Betrachtungen eines deutschen Naturforschers. Zürich.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Seeley, John Robert (2008): United States of Europe, in: Krompotic, Louis (Hrsg.): Die EU und ihre Ahnen in Spiegel historischer Quellen. Hannover.
6 Ebd. S.17.
7 Rossi, Ernesto/Spinelli, Altiero (1941): Das Manifest von Ventotone, in: https://www.jef-bw.de/wp- content/uploads/2014/01/Manifest-von-Ventotene-Deutsch.pdf (letzter Zugriff: 25. August 2019)
8 Seeley, John Robert (2008): United States of Europe, in: Krompotic, Louis (Hrsg.): Die EU und ihre Ahnen in Spiegel historischer Quellen. Hannover, S.17.

Rupert Strachwitz

Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz

Vorsitzender des Vorstandes der Maecenata Stiftung
Direktor des Maecenata Instituts
rs@maecenata.eu

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