TG Schlaglicht: Philosophischer Jahresstart

22.01.2024 | Zwischen Weltbeschreibung und Weltveränderung

Die zweite Ausgabe des Schlaglichts zum philosophischen Jahresstart stellt die Organisationen CEDI aus dem Transnational Giving Programm vor. Sie will das Werk von Ivan Illich verbreiten. Illich hat einige Beiträge zur Technikphilosophie geleistet. Eines seiner Ziele war es, den technischen Fortschritt mit gesellschaftlicher Ethik zu vereinen. Mit seinen Untersuchungen hoffte Illich, die Welt zum Guten zu verändern. CEDI folgt heute dieser Mission.

Karl Marx trug einen tiefen Unmut gegenüber seinen Kollegen in sich. Denn die Philosophen vor ihm hätten, so Marx, die Welt lediglich verschieden interpretiert. Viel wichtiger sei es jedoch sie zu verändern. Tatsächlich scheint Marx‘ Analyse nicht unbegründet. Denn das Mittel der Wahl von Philosophierenden ist zunächst und zumeist die Sprache. Im Ton eher kühl-gesetzt analysierend, selten appellierend.

So dachten die Philosophen der Antike, dass sich die Welt in ihrer grundlegenden Struktur durch sprachliche Studien (auch genannt: durch den „Logos“) erkennen ließe. Davon zeugen etwa Platons Gleichnisse oder Aristoteles Logik-Untersuchungen. Die Welt, meinten sie, sei in einen wohlgeordneten Kosmos eingefasst. Und weil jede Ordnung einem System von Regeln folgt, könne man die Naturgesetze der Welt erkennen, sobald man sich ihr Regelsystem erschlossen habe.

Der Dudenkorpus allein umfasst 18 Millionen Wörter. Ist es da möglich, dass es dennoch unbenannte Dinge gibt?

Das überzeugte viele Menschen, jedoch nicht alle. Wittgenstein und Heidegger gehörten zu letzterer Kategorie. Auch sie fokussierten sich auf die Sprache als Mittel der Erkenntnis, kamen aber zu anderen Schlüssen als ihre berühmten Vordenker: Es stimme zwar, dass wir durch Sprache die Welt verstünden. Allerdings geschehe das lediglich so, wie es eine Sprache jeweils zulasse. Alles um uns herum, die Dinge, die unser Leben bestimmen, nehmen wir deswegen wahr, weil sie Begriffen zugeordnet sind. Doch sind Begriffe lediglich willkürliche Bezeichnung von Dingen, nicht aber identisch mit den bezeichneten Dingen selbst. Zudem verfügen manche Sprachen über Begriffe, die anderen Sprachen unbekannt bleiben. Keine Sprache kann somit die Dinge an sich ergründen. Damit stellt sich jedoch die Frage: Wie können wir mit diesem Denken, das uns lediglich erkennen lässt, was begrifflich bereits erkannt ist, zu den Ursachen von Welt und Wirklichkeit vordringen?

Probleme von einst – das glauben heute nicht wenige. Warum sollten wir uns schließlich im 21. Jahrhundert mit solcherlei Überlegungen herumschlagen, wir als aufgeklärte Bürger:innen einer globalen Wissensgesellschaft? Wie in der Antike sind abermals viele Menschen davon überzeugt, dass sich die Naturgesetze der Welt sprachlich erkennen lassen; durch den Logos der Naturwissenschaft und Technik. Und tatsächlich: Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt schreitet unentwegt voran. Dem hält der ethisch-gesellschaftliche Fortschritt der selbsternannten Wissensgesellschaft jedoch kaum stand.

Lässt sich das menschliche und weltliche Sein auf Algorithmen reduzieren?

Wenn die technischen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Vernunft enteilen, wird der Mensch vom Gestalter seiner Welt zum Futter algorithmischer Wirklichkeit – eine dystopische Aussicht. Um daher zu verhindern, dass sich Mensch und Technik entkoppeln, prägte Ivan Illich bereits in den 1970er Jahren den Begriff der Konvivialität. Mit „Konvivialität“ meinte Illich, dass Mensch und Technik in einen ethischen Einklang gebracht werden müssten. Wenn überhaupt sollte die Technik schließlich den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Heute scheinen diese Überlegungen angesichts neuer KI-Generationen aktueller denn je. Eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit in den Worten Illichs lautet: Wie können wird die technologische Entwicklung konvivial gestalten?

Hierin liegt viel erkenntnistheoretisches und ethisches Potenzial, auch für unser Jahrhundert. Die mexikanische Organisation CEDI[1] (Centro de Encuetros y Diálogos Interculturales, Spendenlink) aus dem Programm Transnational Giving hat das verstanden. Sie möchte mit dem Acervus Project Impulse zur Bearbeitung dieser Probleme liefern. Ihr Augenmerk liegt dabei auf einer kollaborativen Aufarbeitung des Werks von Ivan Illich, das verschiedensprachig übersetzt und über eine Online-Bibliothek kostenfrei und niedrigschwellig zugänglich wird. Auch die Werke ihm befreundeter Autor:Innen sollen über die geschaffene Open Source Plattform publiziert werden, um eine Sammlung des illich‘schen Geistes zu schaffen.

Wer die Welt verändern und Wandel zum Guten beeinflussen will, sollte sie verstehen. Doch ist Welt kein wissenschaftlicher, sondern ein philosophischer Begriff. Daher lässt sich fragen: Mit welcher Weltvorstellung werden wir konfrontiert, welche Welt wollen wir verändern, in was für einer Welt wollen wir leben, welchen Regeln soll sie folgen? Um das zu beantworten, müssen wir vor allem den Logos, die Sprache unserer Zeit untersuchen und verstehen. Technisch-philosophische Analysen wie von Illich können hierzu bereichernde Einsichten beitragen. Sie können die Sprache des heute so einflussreichen Silicon Valleys dekonstruieren, dessen technokratische Lösungen in alle Winkel des Planeten vordringen. Sie können die Verengung der Realität auf algorithmisierte Berechnungen aufbrechen und neue Denkhorizonte eröffnen. Doch steht zu Beginn dieses Prozesses immer das Wort, die Welt-Beschreibung. Bereits das ist – im Sinne Illichs und im Gegensatz zu Marx‘ – eine Weltveränderung. Denn die Begriffe formen unser Denken. Vielleicht tut es insofern gut, diese zum Jahresstart zu hinterfragen.

[1] Die Organisation wurden zufällig für das Schlaglicht ausgewählt.