‚Besondere Helden‘ Blogeintrag von Rupert Graf Strachwitz

Berlin | 15.11.2020 | ‚Besondere Helden‘: So betitelt die Bundesregierung ihre neuen Werbespots, in denen sich in einer fernen Zukunft Menschen daran erinnern, wie sie im Winter 2020 dadurch zu Helden wurden, daß sie es sich auf der Couch bequem gemacht und nichts getan haben. Das ist zynisch!

Unser Land ist zur Zeit voll von Helden: Sie fahren Busse und Bahnen, sitzen im Supermarkt an der Kasse, pflegen kranke und ältere Mitbürger – dies ganz nebenbei gesagt, überwiegend ehrenamtlich – , kümmern sich in Schule und Kindergarten unter schwierigsten Umständen um die nächste Generation, forschen für den Impfstoff oder gehen im Home Office und vielfach auch am Arbeitsplatz fleißig ihrer Arbeit nach. Sie halten unser Land in Gang, sorgen dafür, daß nicht alles auseinanderbricht, indem sie eben nicht auf der Couch liegen und nichts tun. Alles Regieren wäre am Ende, wenn diese vielen Menschen den Drang zu dem Heldentum verspüren würden, das die Regierung so vollmundig anpreist.

Im Ernst: Diese Werbespots sollen komisch sein; das finden vielleicht die, die in der Freizeit die Füße nicht still halten können. Sie sind es aber nicht. Sie sind übergriffig, taktlos, respektlos, eine schallende Ohrfeige für all die, die sich Tag für Tag für die Gemeinschaft einsetzen, kurz: eine Unverschämtheit sondergleichen. Sie zeigen einmal mehr, wie weit es mit unserer Demokratie gekommen ist, wie weit sich Politik und Verwaltung von den Bürgerinnen und Bürgern entfernt haben.

Damit kein Zweifel aufkommt: Wir brauchen und wollen in der Krise eine starke Regierung; wir brauchen, solange wir nichts besseres wissen, Shutdown, Abstände und Masken! Aber für dumm verkauft zu werden brauchen und wollen wir nicht!

Wir brauchen das so wenig wie das Ermächtigungsgesetz, das der Regierung erlaubt, auf dem Verwaltungsweg Grundrechte außer Kraft zu setzen. Andere Länder, etwa Österreich, machen uns vor, wie einschneidende Maßnahmen auch mit dem Parlament auf den Weg gebracht werden können. Ebensowenig brauchen wir die dauernden langweiligen Sondersendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die wohl vor allem dazu dienen, Politikern kostenlose Sendezeit zu verschaffen. Ob wir gerade für die Beamten eine Sonderprämie brauchen, kann man fragen; denn viele von ihnen konnten zu Hause tatsächlich wenig tun, erlitten also einen Zustand, der dem des Urlaubs doch recht nahe kam  – und werden dafür jetzt zu Helden stilisiert.

Was Politik und Verwaltung offenkundig völlig vergessen haben: Sie werden von uns Bürgerinnen und Bürgern nicht dafür bezahlt, Werbung für sich zu machen und irgendwelche Helden zu identifizieren, sondern dafür, daß sie durch Planung, Vorsorge und Krisenmanagement Herausforderungen von der Art, wie wir sie jetzt erleben, meistern. Bei Planung und Vorsorge haben sie total versagt; das Krisenmanagement funktioniert so einigermaßen. Von Konzepten für eine neue Ordnung nach der Krise hören wir nichts. Den vielen Rufern nach dem Staat steht man hilflos gegenüber, anstatt den Mut aufzubringen zu sagen, daß wir alle unsere Ansprüche zurückschrauben müssen, dafür aber diese neue Ordnung mitgestalten können. Darauf kommt es jetzt an, nicht auf das Verteilen von teuren Bonbons an die Wirtschaft und schon gar nicht auf Werbekampagnen und auf die Benennung von falschen Helden. Im Klartext: Wir wollen von unserer Regierung nicht verspottet, sondern ernst genommen werden.

Auf uns im bürgerschaftlichen Raum wird die Aufgabe zukommen, die Wunden zu heilen, die die Pandemie geschlagen hat. Kein Minister, kein Beamter, kein Amt und keine öffentlichen Mittel werden uns dabei helfen. Und für die neue Ordnung wird uns auch etwas einfallen. Dafür erwarten wir Vertrauen und Respekt, nicht Spott und Zynismus.

Wer den Spot noch nicht gesehen hat: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/besonderehelden-1-1811518

15. November 2020

Rupert Strachwitz

Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz

Vorsitzender des Vorstandes der Maecenata Stiftung
Direktor des Maecenata Instituts
rs@maecenata.eu

>> Alle Beiträge von Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz