Stiftungen und bürgerschaftliches Engagement

Opusculum 36 | 01.09.2009 | Expertise für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) im Rahmen der Erstellung des Berichts zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland

I. Einleitung

Stiftungen gehören zu den ältesten kulturellen Zeugnissen der Menschheit. Auch heute nehmen im Rahmen der organisierten Zivilgesellschaft Stiftungen einen wichtigen, aber oftmals nicht präzise definierten Platz ein. Gründe, wie ein starkes Anwachsen der Anzahl der Stiftungen in den letzten 20 Jahren, die Finanzkraft der Stiftungen, die Erwartung an vermögende Bürgerinnen und Bürger, ihr Vermögen mittels Stiftungen dem Gemeinwohl zu widmen sowie das Bedürfnis mancher Menschen, in einer sich schnell verändernden Welt durch Schaffung einer gebundenen Einrichtung – und dies sind Stiftungen in erster Linie – eine nachhaltige Orientierung an eigenen Willenserklärungen, Überzeugungen und Wertvorstellungen sicherzustellen, machen die zunehmende Bedeutung von Stiftungen in der Gesellschaft deutlich. Sie haben soziale Umwälzungen erstaunlich robust überstanden, sich vielfach als überaus langlebig erwiesen1 und sind heute weltweit bei Regierungen und Bürgern so beliebt, dass ihre Bedeutung für das bürgerschaftliche Engagement oft weit überschätzt wird. Sie bieten auf den ersten Blick eine hervorragende Möglichkeit, dieses Engagement zu verwirklichen.

Organisationstheoretisch sind Stiftungen heute als eine der zwei klassischen Organisationsformen von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement einzuordnen. Definiert man bürgerschaftliches Engagement als eine freiwillige Hingabe von Zeit, Kreativität, Empathie, Ansehen und Vermögenswerten zum Wohle der Gemeinschaft, so bilden Stiftungen eine interessante Option zur Verwirklichung aller dieser Ausdrucksformen.

Im Bericht wird das Stiften als eine sehr besondere Form des bürgerschaftlichen Engagements herausgestellt und mit empirischen und statistischen Untersuchungsergebnissen belegt. Anhand von ausgewählten Fallbeispielen aus dem familiennahen Zweckbereich wird dargelegt, inwieweit Stiftungen zum bürgerschaftlichen Engagement anregen, es fördern und ermöglichen und Plattform dessen sind.

Dem positiven Befund stehen auch konträre Positionen, beispielsweise hinsichtlich der Funktion der Stiftungen in der Zivilgesellschaft und ihre Leistungskraft gegenüber. Sie setzen an mehreren Punkten an: die Zweiteilung des deutschen Stiftungswesens in einen staatsnahen korporatistischen und einen liberal verfassten Subsektor2 bietet beispielsweise erste Hinweise auf eine unterschiedliche Wahrnehmung der Stiftungen im Bezug auf Funktion und Leistungsübernahme. Mit dieser Zweiteilung geht auch die Fragestellung einher, ob und in wieweit sich Stiftungen überhaupt als Teile der Zivilgesellschaft empfinden, bzw. als solche gesehen werden und welchen Beitrag sie zum bürgerschaftlichen Engagement leisten können. Es fällt insbesondere einem korporatistisch ausgerichteten Teil der Stiftungen schwer, von einer traditionellen Staatsnähe zugunsten einer aktiven Beteiligung am bürgerschaftlichen Engagement Abschied zu nehmen. Wie stehen Stiftungen dem Engagement des Einzelnen gegenüber? Tragen sie vielleicht gar nicht so viel zum Engagement des Einzelnen bei, wie man angesichts der hohen Erwartungen, die an Stiftungen herangetragen werden, vermuten will?

1 Die ältesten noch bestehenden deutschen Stiftungen gehen vermutlich bis in das 1. Jahrtausend n. Chr. zurück.

2 Adloff 2004, S. 275

Rupert Strachwitz

Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz

Vorsitzender des Vorstandes der Maecenata Stiftung
Direktor des Maecenata Instituts
rs@maecenata.eu

>> Alle Beiträge von Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz