Zur nichtfinanziellen Berichterstattung aus NPO-Perspektive

Opusculum 125 | 10.01.2020 | Überlegungen zu den Folgen der Reform der Rechnungslegung gewinnorientierter Unternehmen und erste Befunde aus der Praxis

1. Einleitung, Problemstellung und Ziel dieses Beitrages

So vage und insofern problematisch der Begriff der „Nachhaltigkeit“, auch: Corporate (Social) Responsibility bzw. C(S)R, für sich genommen ist, so wenig lässt sich dessen Bedeutungsgewinn in Forschung und Praxis über die letzten Jahrzehnte hinweg übersehen.[1] Eine neue Dynamik erlangte diese Entwicklung dabei in den letzten rund zehn Jahren, mit einem besonderen Schwerpunkt innerhalb der EU. Als eine wichtige Reaktion auf die sog. Finanz- bzw. Wirtschaftskrise um das Jahr 2008 wurde der Ruf nach einem vielschichtigeren Verständnis für den Erfolg von Unternehmen laut; die Fokussierung auf kurzfristige (finanzielle) Interessen von Eigentümern wurde als ein wesentlicher Treiber hinter den beobachteten Fehlentwicklungen identifiziert.[2]

Die EU-Kommission veröffentlichte daraufhin u.a. eine neue Nachhaltigkeitsstrategie, die diesen Ansprüchen Rechnung tragen soll. Nachhaltiges Wirtschaften wird in dieser nicht lediglich als freiwillige Willensentscheidung des Managements verstanden, sondern als ein verbindlicher Anspruch an das Handeln von Unternehmen.[3] Hierunter sind v.a. gewinnorientierte Unternehmen verstanden, während NPO im Hinblick auf diese allerdings eine wichtige Kontrollfunktion zugesprochen wird.

Zur Umsetzung wurde die Richtlinie 2014/95/EU (auch: „CSR-Richtlinie“) erlassen. Nach einem mehrjährigen und von kontroversen Diskussionen bestimmten Entwicklungsprozess wurden erstmals auf umfassende Art und Weise verbindliche Informationspflichten zur nichtfinanziellen Leistung – so die begriffliche Verankerung der Idee der Nachhaltigkeitsleistung im europäischen Bilanzrecht – von Unternehmen vorgeschrieben. Die Rechnungslegung wurde deswegen als Instrument zur Verhaltensänderung gewählt, als die EU-Kommission dabei deren Anspruch betont, „dass der Offenlegung von Informationen zur Nachhaltigkeit, wie sozialen und umweltbezogenen Faktoren, durch die Unternehmen eine große Bedeutung zukommt, um Gefahren für die Nachhaltigkeit aufzuzeigen und das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern zu stärken. Die Angabe nichtfinanzieller Informationen ist nämlich ein wesentliches Element der Bewältigung des Übergangs zu einer nachhaltigen globalen Wirtschaft, indem langfristige Rentabilität mit sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz verbunden wird. In diesem Zusammenhang hilft die Angabe nichtfinanzieller Informationen dabei, das Geschäftsergebnis von Unternehmen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu messen, zu überwachen und zu handhaben.“[4] Kurz gesagt ist der Anreizmechanismus hierhinter jener des „name and shame“.[5] Mit geringer zeitlicher Verzögerung wurden diese europäischen Rechtsvorgaben in Österreich und Deutschland Anfang 2017 im nationalen Recht umgesetzt.[6]

Im Sektor der gewinnorientierten Unternehmen wurde diese Entwicklung häufig als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet, was ihre einschneidende Relevanz für die davon Betroffenen illustriert. Tatsächlich stellt sie aber nur den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die sich seit vielen Jahre beobachten lässt und das Verständnis der Unternehmensberichterstattung gewinnorientierter Unternehmen graduell verändert bzw. erweitert hat. Und auf den in der ersten Jahreshälfte 2018 bereits weitere Vorschläge der EU-Kommission folgten, die diesen Weg weiterführen. Allerdings: Auch wenn NPO selbst nicht unmittelbar hierunter fallen, ergeben sich doch Ausstrahlungseffekte auf diese: Zu eng sind sie mit gewinnorientierten Unternehmen in mancherlei Hinsicht verbunden, und nicht zuletzt ist es nun so, dass sich zunehmend Ähnlichkeiten in den Berichtsgegenständen zeigen (z.B. betreffend die mit der Organisationstätigkeit erzielten „Auswirkungen“). Viele dieser Effekte gestalten sich hierbei als Handlungsoptionen, die etwa neue Perspektiven im Spektrum der eigenen Leistung bzw. der Finanzierungsquellen eröffnen. Die mittelbare Wirkung dieser Entwicklung im Bereich gewinnorientierter Unternehmen scheint damit gleichermaßen für NPO eine hohe zu sein. Diese Wirkung wird insofern verstärkt, als Nachhaltigkeit in NPO seit geraumer Zeit als „ambivalentes Thema“ empfunden wird, wonach sich diese bereits mit entsprechenden Berichtserfordernissen konfrontiert sahen, diese aber (bisher) zum größten Teil nur rudimentär – so überhaupt – in ihrer Rechnungslegung adressierten.[7]

Aus diesen Gründen scheinen diese Organisationen gut beraten, sich ebenso frühzeitig mit den dargestellten Entwicklungen zu befassen. Als Beitrag zur Bewusstseinsbildung sowie zum Aufzeigen erster Befunde aus der Praxis, die Anhaltspunkte für weitere Entwicklungen darstellen können, soll in Folge der Rechtsrahmen gewinnorientierter Unternehmen dargestellt werden. Hieran knüpft die Ableitung dreier möglicher Stoßrichtungen, in denen sich die erwartbaren Auswirkungen auf NPO abzeichnen. Im Anschluss werden die im Jahr 2018 vorgelegten Berichte österreichischer börsennotierter Unternehmen ausgewertet, um diese theoretischen Überlegungen mit ersten praktischen Befunden aus der Perspektive gewinnorientierter Unternehmen auf NPO zu unterlegen.

[1] Z.B. Baumüller, Corporate Social Responsibility (CSR), SWK 2015, S. 983.

[2] Siehe z.B. EU-Kommission, Eine neue EU-Strategie (2011-14) für die soziale Verantwortung der Unternehmen  (CSR) (2011), KOM(2011) 681 endgültig, S. 4 f.

[3] So etwa die neu gefasste Definition in EU-Kommission, EU KOM(2011) 681 endgültig, S. 7 f.

[4] ErwGr. 3 der RL 2014/95/EU.

[5] Dazu z.B. Voland, Unternehmen und Menschenrechte – vom Soft Law zur Rechtspflicht, BB 2015, S. 67 (S. 72); ebenso  Haaker, Verschlimmbesserungen des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes, StuB 7/2016, I.

[6] Einen Vergleich der Rechtsumsetzung bieten Baumüller/Nguyen, Umsetzung der CSR-Richtlinie im deutschen und im österreichischen Bilanzrecht, KoR 2018, S. 413.

[7] Weiteführend auch Eller, Nachhaltigkeit in NPO – Eine Fallstudie mit dem Alters- und Pflegezentrum in Amriswil, in:      Gmür/Andeßner/Greiling/Theuvsen, Wohin entwickelt sich der Dritte Sektor? (2018) S. 247.