„Mehr kulturelles Selbst- bewusstsein wagen!“ Dankesrede anlässlich der Verleihung des Kulturgroschen 2016 durch den Deutschen Kulturrat

Europe Bottom Up-Nr.14 | „Mehr kulturelles Selbst- bewusstsein wagen!“ Dankesrede anlässlich der Verleihung des Kulturgroschen 2016 durch den Deutschen Kulturrat

Für die Auszeichnung mit dem diesjährigen Kulturgroschen danke ich dem Deutschen Kulturrat herzlich. Ebenso herzlich bedanke ich mich für die Würdigung, die so freundliche Laudatio von Monika Grütters. Und es stimmt ja auch: Meine berufliche Prägung, also mein entschiedenes Interesse für die Künste und meine Leidenschaft für Kultur und Kulturpolitik haben mich in den 25 Jahren meines aktiven politischen Lebens nicht verlassen, im Gegenteil, sie haben mir in der Politik geholfen. Aber ich will keinen Rückblick halten, sondern ein paar ernsthafte Bemerkungen machen zu dem uns alle beschäftigenden Thema der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen – und welche Rolle Kultur und Kulturpolitik nach meiner Überzeugung dabei zu spielen haben.

Wir ahnen, dass die deutsche Gesellschaft sich durch Migration stark verändern wird. Sich auf diese Veränderung einzulassen, ist offensichtlich eine anstrengende Herausforderung, sie erzeugt Abwehr, provoziert Misstöne und Ressentiments und macht vielen (Einheimischen) Angst, vor allem unübersehbar und unüberhörbar im östlichen Deutschland. Pegida ist dafür ein schlimmes Symptom. Die Wahlerfolge der AfD sind es auch, sie sind eine negative Antwort auf die so sympathische Willkommenskultur vieler Deutscher in den vergangenen Monaten.

Vertrautes, Selbstverständliches, soziale Gewohnheiten und kulturelle Traditionen: Das alles wird unsicher, geht gar verloren. Individuelle und kollektive Identitäten werden infrage gestellt – durch das Fremde und die Fremden, die uns nahegerückt sind – durch die Globalisierung, die offenen Grenzen, die Zuwanderer, die Flüchtlinge. Die Folge sind Entheimatungsängste, die sich in der Mobilisierung von Vorurteilen, in Wut und aggressivem Protest ausdrücken. Genau das ist unsere demokratische Herausforderung und sie ist eine politisch-moralische Herausforderung: Dem rechtspopulistischen, rechtsextremistischen Trend, der sichtbar stärkerund selbstbewusster geworden ist, zu begegnen, zu widersprechen, zu widerstehen.