Pressemitteilung
Berlin, 07. Oktober 2026 – Die Zivilgesellschaft in Deutschland bleibt trotz zahlreicher Herausforderungen wie einem stärker werdenden Ökonomisierungsdruck oder einem zunehmenden Wettbewerb um öffentliche und private Mittel ein widerstandsfähiger, dynamischer und anpassungsfähiger Teil der Gesellschaft.
Zu diesem Ergebnis kommt der neue Bericht „Zivilgesellschaft in Deutschland 2026: Daten, politische Rahmenbedingungen, zentrale Entwicklungen“ der Maecenata Stiftung. Der von der Stiftung Mercator geförderte Bericht führt die Vielzahl an Daten und Entwicklungen der vergangenen drei Jahre systematisch zusammen und ermöglicht einen Gesamtüberblick.
Breite Verankerung und gesellschaftliche Bedeutung
Die Zahlen belegen die Stabilität des Sektors: Laut der neuesten Zahlen aus 2026 gibt es allein 628.992 Vereine in Deutschland. Laut Freiwilligensurvey sind gut ein Drittel der Deutschen (36,7 Prozent) Stand 2024 ehrenamtlich engagiert. Damit befindet sich das Engagement weiterhin auf einem hohen Niveau. Auch als Arbeitgeber spielt der Sektor eine Rolle: Allein der Deutsche Caritasverband beschäftigt rund 770.000 hauptamtlich angestellte Personen. Der Bericht bestätigt zudem, dass sich der Sektor nach der Covid-19-Pandemie rasch erholt hat und Organisationen zunehmend auf neue Kooperations- und Finanzierungsmodelle wie Joint Ventures, Fiscal Hostings oder Matching Funds setzen, um ihre Resilienz aktiv zu stärken.
Belastungsprobe: Delegitimierung und politischer Druck
Diese Widerstandsfähigkeit wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. Seit der Kleinen Anfrage „Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ (sog. 551-Fragen) der CDU/CSU-Fraktion vom Februar 2025 ist ein Anti-NGO-Diskurs entstanden, in dessen Rahmen zivilgesellschaftliche Organisationen umfassend diffamiert und angegriffen werden. Delegitimierende Kleine Anfragen haben sich 2025 bundesweit nahezu verdoppelt und in einzelnen Bundesländern bis zu verneunfacht.
Zudem stufte der Civicus Monitor, eine globale Forschungsplattform zum Zustand der demokratischen Freiheiten, die Bewertung des zivilgesellschaftlichen Raumes in Deutschland erneut herab: Er gilt nun als „beeinträchtigt“. Deutschland ist damit das einzige von 198 untersuchten Ländern und Gebieten, in dem sich die Bewertung innerhalb von nur drei Jahren um zwei Kategorien verschlechtert hat.
Dennoch bleibt die gesellschaftliche Unterstützung für die Zivilgesellschaft insgesamt hoch – ein Befund, der laut des Berichts zeigt, dass Vertrauen und Legitimität in der Bevölkerung bislang nicht in gleichem Maße erodiert sind wie im politischen Diskurs.
Resilienz ist kein Selbstläufer
Der Bericht macht deutlich: Dass die Zivilgesellschaft bislang widerstandsfähig geblieben ist, ist kein Automatismus, sondern Ergebnis vielfältiger Anstrengungen, breiter gesellschaftlicher Rückendeckung und neuer Kooperationsformen. Damit dies so bleibt, brauche es jetzt einen wirksamen Schutz des zivilgesellschaftlichen Handlungsraums.
Der durch die Stiftung Mercator geförderte Bericht ergänzt die bereits 2022 und 2024 veröffentlichten Berichte zur Lage der Zivilgesellschaft in Deutschland.
Über die Autor*innen
Dr. Siri Hummel ist promovierte Politikwissenschaftlerin und seit 2023 Direktorin des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Die Forschungsschwerpunkte sind Demokratie und Zivilgesellschaft sowie Gleichstellung in der Zivilgesellschaft und Stiftungsforschung. Sie ist Lehrbeauftragte im Studiengang Nonprofit Management and Public Governance an der Hochschule für Wirtschaft und Recht, Berlin.
Laura Pfirter ist Sozialwissenschaftlerin und externe Forscherin und Beraterin des Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Gegenwärtig ist sie in Projekten rund um das „European Civic Space Observatory“ involviert, welche sich mit Aspekten des Contested-Space und den allgemeinen Rahmenbedingungen zivilgesellschaftlichen Handelns beschäftigt.
Dr. Sascha Nicke ist promovierter Historiker und arbeitet als Programm Manager für das Tocqueville Forum bei der Maecenata Stiftung. In seiner Arbeit fokussiert er sich u.a. auf die Untersuchung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Zivilgesellschaft in Deutschland und Europa.
Janek Oellers ist als studentische Hilfskraft im Maecenata Institut tätig und hat einen B.A. in Regionalmanagement, mit besonderem Fokus auf Regionen an den europäischen Außengrenzen und deren Rahmenbedingungen.