Welche Zukunftskompetenzen braucht die Zivilgesellschaft nach der Covid-Pandemie? | Zur Corona Krise: Eine Stimme aus der Zivilgesellschaft 18 | 24. Juli 2020

Eine Kolumne von Alexander Kauschanski

Zukunftskompetenzen können der Zivilgesellschaft nicht nur verhelfen, die Welle an Veränderungen zu überdauern. Bürgerschaftliche Initiativen können auch an der Transformation unserer Gesellschaftssysteme mitwirken. Was zivilgesellschaftliche Organisationen aus der Spanischen Grippe und den Folgen der Covid-Pandemie lernen sollten.

Die Covid-19 Pandemie ist nicht die erste und auch nicht die letzte Krise, welche die Menschheit nachhaltig verändert hat. 1918 kostete die Spanische Grippe bis zu 50 Millionen Menschen das Leben. Die globale Gesundheitsstruktur war damals noch kaum entwickelt. Nur wenige Länder hatten ein Gesundheitsministerium. Die Existenz von Viren wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts festgestellt. Verschwörungsmythen, Grenzschließungen, Xenophobie, extremer Alarmismus und Ignoranz waren damals wie heute Konstanten der Gesundheitskrise.

Hat die Welt mehr als 100 Jahre später etwas dazugelernt? Die erste Bilanz der Covid-19-Krise scheint zu sein, dass sie die Weltgesellschaft und Staatengemeinschaft trotz vieler Warnsignale unvorbereitet traf. Nichtsdestotrotz haben sich die Institutionen und Expertise der Menschheit seit der Spanischen Grippe weiterentwickelt. Die Weltgesundheitsorganisation wurde gegründet. Öffentliche Gesundheitssysteme wurden ausgebaut. Virus- und Seuchenforschung entwickelten sich zu eigenen Forschungsfeldern.

Ein wiederkehrendes Phänomen des gesellschaftlichen Umgangs mit Krisen ist der Zyklus zwischen Panik und Gefälligkeit. Nachdem eine Krise vorbeigezogen ist, setzt sich ein gesellschaftlicher Zustand des Vergessens ein. Der Zustand scheint Paradox. Einerseits transformieren Krisen unser Zusammenleben und verrücken gesellschaftliche Regeln und Ordnungen, andererseits streben Menschen danach, eine Normalität wiederherzustellen, die so nicht mehr existiert.

Eine globale Krise – sei es eine Pandemie, eine Wirtschaftsrezession oder eine Klimakatastrophe ist ein Katalysator. Sie kann soziale, wirtschaftliche und politische Dynamiken beschleunigen oder für Brüche sorgen. Im Falle der Corona-Pandemie erleben wir zum einen eine Verstärkung von Solidarität und Eigeninitiative. Gleichzeitig geschieht ein Digitalisierungsschub durch die Kontaktbeschränkungen und die Verschiebung physischer Lehr-, Arbeits- und Freizeiträume in den Cyberspace.

Auf der anderen Seite bildet sich eine Reihe an Herausforderungen heraus. Die wahrgenommene Menge an gezielter und unwissentlich verbreiteter Falschinformationen nimmt zu. Negative Vorurteile gegenüber Fremden als Bedrohung führen zu einem Zuwachs rassistischer Übergriffe. Soziale Ungleichheiten verstärkten sich sowohl innerhalb von Gesellschaften als auch zwischen verschiedenen Ländern. Wohlstand schützt vor der Pandemie, bietet Menschen Möglichkeiten zum Schutz und zum distanzierten Arbeiten. Schlechte sozioökonomische Bedingungen machten Menschen gegenüber der Seuche vulnerabler und setzen sie wirtschaftlichen Rezessionseffekten aus.

Kann die Zivilgesellschaft unter solchen Bedingungen überhaupt überleben? Sie muss! Denn Covid-19 bedroht nicht nur Menschenleben, sondern auch das Weiter- existieren von gesellschaftlichen Institutionen, Organisationen und Bewegungen.

Auch die Zivilgesellschaft ist den Effekten der globalen Krise ausgesetzt. Konventionelle Formen lokaler Organisation kennzeichnen sich durch regelmäßige Offline-Treffen in physischen Räumlichkeiten, Finanzierungsformen durch Spenden oder Fördermittel und informellen Austausch in einer vertrauten Umgebung. Mit den politischen Covid-Maßnahmen sind viele dieser Organisationsformen fort und müssen auf digitale Plattformen verlagert werden. Durch das Wegfallen der Treffen fällt das Anwerben neuer MitstreiterInnen schwer. Die Wirtschaftskrise erschwert die Finanzierung. Dazu kommt, dass Regierungen ihre Prioritäten auf den Krisenmodus verlagern und zivilgesellschaftliche Belange und soziale Probleme damit übersehen. Podiumsdiskussionen, Austauschforen, Protestaktionen und andere konventionelle Formen zivilgesell- schaftlicher Veranstaltungen können nicht, oder nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden.

Damit sich die Zivilgesellschaft in Zeiten der Krise entwickelt und überlebt, muss sie Zukunftskompetenzen entwickeln. Im letzten Jahrzehnt und in den vergangenen Jahrhunderten wurde unsere Weltgesellschaft von häufigeren und schnelleren gesell- schaftlichen Umbrüchen geprägt als in den vergangenen Millionen von Jahren der Menschheitsgeschichte. Die Dynamik der Umbrüche verschnellert sich mit dem men- schengemachten Klimawandel, zunehmenden sozialen Ungleichheiten, einem historisch hohen globalen Bildungsgrad und Innovations- und Digitalisierungsschüben.

Viele Szenarien wie dem Aufstieg künstlicher Intelligenz, Wegfallen von Arbeitsplätzen durch maschinelles Arbeiten und die Manifestierung neuer Machthierarchien wurden schon von Wissenschaftlern und Zukunftsforschern vorgezeichnet. Selten hat sich die Politik, aber auch die Zivilgesellschaft gegenüber den Herausforderungen positioniert. Auch nicht vorhergesehene Szenarien werden die Menschheit in der Zukunft begleiten. Darauf muss sich unsere Weltgesellschaft einstellen.

Daher ist das Herausarbeiten von Zukunftskompetenzen absolut notwendig. Zukunftskompetenzen können ihr verhelfen, nicht nur die Welle an Veränderungen zu überdauern, sondern an der Transformation unserer Gesellschaftssysteme mitzuwirken. Dazu muss die Zivilgesellschaft sich dynamisch an Veränderungen anpassen und gleichzeitig weiterhin ihre Hauptfunktionen erfüllen: Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenzubringen, diese Interessen weiter herauszuarbeiten und durch das Einsetzen bestimmter Werkzeuge, Taktiken und Strategien zu verwirklichen.

Folgende Faktoren bestimmen heute, wie erfolgreich zivilgesellschaftliche Bewegungen ihre Belange durchsetzen können. „Fridays for Future“ und „Black Lives Matter“ sind eindrucksvolle Beispiele für diese Form der neuen globalen Bewegungen:

  1. Offene Organisationsformen: Neue zivilgesellschaftliche Bewegungen setzen niedrigschwellig an, richten sich offen nach außen, sind jedoch strategisch in ihrer Organisationsmitte
  2. Nutzen unterschiedlicher und neuer Medien: Das Bespielen unterschiedlicher Kanäle ist wichtig, um unterschiedliche Zielgruppen zu
  3. Bereitstellung informeller Austauschräume: Gerade bei über Distanz arbeitende Bewegungen, die physisch nicht zusammenkommen, ist der informelle Austausch zur Bindung von Mitgliedern, Diskussion verschiedener Themen und weiterer Ausarbeitung der Ziele und Interessen von
  4. Erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit: Gerade bei Krisen werden im Schnellgang politische Entscheidungen getroffen. Daher bedarf es auch einer beschleunigten Reaktion durch zivilgesellschaftliche Gruppen zur Durchsetzung ihrer
  5. Nutzen von Expertise: Bewegungen können nur durch eine fundierte Informationsbasis überzeugend ihre Positionen vertreten. Dafür muss die Zivilgesellschaft auf akademische Expertise, aber auch auf Menschen mit bestimmten Erfahrungswerten setzen, welche die Ziele der Initiative bekräftigen können.
  6. Entwicklung kraftvoller Narrative: Botschaften können nur so effektiv sein, wie die Geschichten die sie vermitteln. Menschen brauchen Narrative, um Positionen verstehen, verarbeiten und durchsetzen zu wollen.
  7. Dynamischer Anpassungswille: Weil wir in einem Umbruch sozialer, wirtschaftlicher und politischer Realitäten stehen, müssen zivilgesellschaftliche Organisationen willens sein, zukünftige Trends und Krisen zu beobachten, zu an- tizipieren und sich schon jetzt in ihrer Organisationsstruktur und ihren Strategien darauf einzustellen, um später möglichst effektiv zu arbeiten.

Diese Punkte sind nur Anhaltspunkte für neue Arbeitsweisen unter der aktuellen Krise. Nach neuen Umbrüchen können sich die Wegweiser zivilgesellschaftlichen Arbeitens wieder in neue Richtungen drehen.

Nach der Spanischen Grippe entstanden Institutionen, neue Forschungszweige und Politikfelder, um das Medizinsystem zu verbessern. Auch die Covid-19 Pandemie führt der Menschheit vor Augen, dass neue Wege erforderlich sind, um der nächsten Krise resilient entgegenzutreten. Gerade weil wir noch nicht wissen, wie die nächste Krise aussehen wird, müssen wir Zukunftskompetenzen entwickeln, uns schon jetzt auf neue Entwicklungen einstellen und den Willen zeigen, sich an eine Welt anzupassen, die ständig und immer schneller im Wandel sein wird.