Kurzbericht: Verwaltung löst kein Migrationsproblem

Tagung: Miteinander sprechen, lernen, arbeiten und leben  Europa und das Mittelmeer.
Auch ein noch so perfektes Abschreckungs-, Sicherheits- und Verwaltungssystem kann das dramatische Migrations- und Flüchtlingsproblem im Mittelmeer nicht lösen! Dies ist das wichtigste Ergebnis der Tagung 'Talking, Learning, Working, and Living Together ‒ Europe and the Mediterranean', die versuchte, über das Aktuelle und Trennende hinauszusehen und das Gemeinsame und Nachhaltige in den Beziehungen zwischen Europa und den übrigen Mittelmeeranrainern herauszuarbeiten. Vor der Folie der aktuellen Lage ging es im Sinne von Jean Monnet und Ralf Dahrendorf darum, von einer Außenpolitik der Staaten zu einer gemeinsamen Politik der Menschen und Gesellschaften zu kommen. Rupert Graf Strachwitz, Vorstand der Maecenata Stiftung, sagte: „Wir wollen voneinander lernen und nicht übereinander, sondern miteinander sprechen, wie wir unser Zusammenleben neu definieren!“ Gemeinsam forderten alle Teilnehmer eine Konzentration auf das Verbindende und miteinander zu Entwickelnde ein.

Die Maecenata Stiftung war Veranstalterin der Konferenz, die gestern zu Ende ging. Teilnehmer waren rund 40 Wissenschaftler, Beamte, Praktiker, Journalisten und zivilgesellschaftliche Aktivisten aus dem Kosovo, der Türkei, Ägypten, Tunesien, Algerien, Marokko, Malta, Spanien, Italien, Frankreich, Großbritannien, Österreich und Deutschland. In 8 Plenarsektionen diskutierten sie nach kurzen Inputs über die gemeinsame kulturelle Tradition, die Migrationsfrage, Umrisse einer neuen politischen Ordnung, wirtschaftliche Aspekte (darunter insbesondere die Attraktivität islamischer Finanzierungsmodelle), die neue Rolle der Zivilgesellschaft, die Rolle der Medien und, in einer Abschlußdiskussion, Perspektiven für die Zukunft. Bemerkenswert war der hohe Anteil junger engagierter Frauen und die große Zahl von Teilnehmern mit doppelter Affiliation oder Nationalität. Schnell konnte man sich auf einen kosmopolitischen Grundansatz bei vollem Respekt vor kulturellen Verschiedenheiten verständigen. Man war sich nicht in allen Einzelheiten einig, aber die Unterschiede gingen kreuz und quer durch alle Zugänge, Disziplinen, Berufe und örtliche Verankerungen. Einigkeit bestand am Schluß über einige wesentliche Festlegungen, zum Beispiel:

  • Chaos ist die neue Ordnung. Es macht keinen Sinn zu versuchen, was heute geschieht, in Schemen zu pressen, die vor 200 Jahren erfunden wurden.
  • Migration gehört zum Mittelmeer, ist geradezu dessen Inhalt. Wir dürfen nicht so tun, als wäre dies ein ganz neues Phänomen.
  • ‚Europa und das Mittelmeer’ ist mehr als ein Migrationsthema. Seit Jahrtausenden verbindet das Mittelmeer Kulturen und befördert den Austausch zwischen ihnen.
  • Europa braucht das Mittelmeer. Die Regionen auf seiner Ost- und Südseite sind langfristig unsere wichtigsten Partner.
  • Auch Europa ist in einer schweren Krise. Wir dürfen uns nicht der Täuschung hingeben, nur im Süden gäbe es Probleme.
  • Auf die internationale Zivilgesellschaft kommt es an. Sie findet schnell eine gemeinsame Gesprächsebene, von ihr gehen die Impulse für die Erarbeitung einer neuen Ordnung aus.


Die Maecenata Stiftung, in München beheimatet und in Berlin arbeitend, seit mehr als 10 Jahren im interreligiösen und interkulturellen Dialog und in der Förderung des europäischen Projekts engagiert, veranstaltete im Rahmen ihres Programms ‚Europa Bottom-Up – Für ein Europa der Bürgerinnen und Bürger’ zum zweiten Mal eine Konferenz ‚Europa und Das Mittelmeer’. Sie fand in Zusammenarbeit mit dem Governance Centre Middle East | North Africa der Humboldt-Viadrina Governance Platform vom 20. – 22. April im Deutsch-Italienischen Zentrum für europäische Exzellenz Villa Vigoni am Comer See statt und wurde maßgeblich von der Stiftung Mercator und der Allianz Kulturstiftung unterstützt. Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Udo Steinbach. Die Ergebnisse werden demnächst als ausführliches Protokoll in der Schriftenreihe ‚Europa Bottom-Up’ auf Englisch veröffentlicht.
>> Kurzbericht im PDF-Format
>> Programm der Tagung (PDF)
>> Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung (PDF)
>> Conference Report / Europa Bottom-Up Nr. 11 (PDF)
>> Contributions / Europa Bottom-Up Nr. 12 (PDF)
Conference Background II